LOURDES

Der Anlass für diese Tour war ein Spazierstock, der einen Stocknagel aus Lourdes trug. Er begegnete mir zwei Jahre zuvor in einem verlassenen Haus, das eine alte, offensichtlich gläubige Dame bewohnt hatte.

Als Kind besaß ich selber einen Spazierstock, und auch ich sammelte Plaketten von Ausflügen und kleinen Reisen. Ich mochte das.

Den Auftakt am Stock macht traditionell ein Hirsch, und dann folgen darunter die einfacheren, oftmals bunten ‚Bleche‘. Dass am Exemplar der alten Frau ganz oben ein Abzeichen aus Lourdes trohnte, ließ mich einen kurzen Moment stutzen. Ihr Grund dafür mag trivial gewesen sein. Vielleicht Platzmangel?

Spazierstock mit Stocknagel aus Lourdes

Doch in meinem Kopf wirbelten die Gedanken. Ich stamme aus einer Gegend, wo der Glaube eines Menschen im Alltag meist keine so große und öffentliche Präsenz hat. Es war diese Mischung aus katholischer Strenge, wie sie mir hier in Köln begegnet, und Souvenir-Marotten in Form eines Stocknagels, die mich auf den Wallfahrtsort Lourdes neugierig machte.

Was würde ich dort vorfinden? Warum reisen Menschen dorthin? Wie ist es so „auf Wallfahrt“? Mir persönlich ist ein nicht unerhebliches Maß an Wahrhaftigkeit sehr wichtig. Wird sie mir in dem französischen Bergdorf begegnen?

Ich hatte kein Bild von dem Ort und wollte mir auch vorher keins machen. Ich informierte mich in keinster Weise, sondern würfelte mir eine Reise zusammen. Mit dem Flugzeug nach Bordeaux und dem Schnellzug weiter bis in die Pyrenäen, dann per Kopfsprung ins Getümmel. Rückblickend mit Covid-19-Brille völlig absurd. Unfassbar viele Menschen drängten sich dort, wie ich es sonst nur auf dem Rummel erlebte. Besonders abends zur Lichterprozession.

Das Treiben war so bunt wie der Mensch selbst. Neonreklamen ohne Ende. Ein Meer aus Souvenirshops, die alle das Gleiche verkauften. Ausgelassene Partystimmung bei einem überwiegend alten Publikum. Ich war fasziniert.

Und enttäuscht zugleich. Denn ich hatte wohl gehofft, etwas anderes vorzufinden. Etwas Reineres. Ja Wahrhaftigeres, das es sicherlich auch irgendwo gab. Doch wurde es für mich erdrückt von Hektik, Gedränge, Getue und Kommerz. Und ja, auch einer gewissen Rücksichtslosigkeit unter dem Deckmantel persönlichen Leids.

Ich hätte mir einen stilleren und sinnlicheren Ort gewünscht.

Was blieb, sind meine Bilder. Und: Wenn der Morgen am Ende des Sommers schon ein wenig frischer ausfällt und ein leichter Duft von Herbst in der Luft liegt, erinnert mich das seither an Lourdes.