art’pu:l | EMMERICH 2020

Der Sommer 2020 brachte für mich ein kleines Highlight in dem ansonsten so lockdowngebeutelten Kulturjahr: Meine Teilnahme an der Kunstmesse art’pu:l in Emmerich. In den tollen Räumen des PAN Kunstforum Niederrhein zeigten 30 ausgewählte Künstlerinnen und Künstler ihre Werke.

Mit großem Engagement richteten der Veranstalter (die kunstfirma a2b) und das gastgebende PAN (vertreten durch Reimund Sluyterman) diese Messe trotz der schwierigen Rahmenbedingungen aus. Es war eine sehr schöne und familiäre Atmosphäre, nicht zuletzt durch die wertschätzende Betreuung. Es wurde realisiert, was nur igendwie ging. Und so konnten wir sogar mit einer kleinen (und leckeren!) Vernissage in die 2-tägige Ausstellung starten.

Besondere Freude hatte ich an der Besucherführung, die Jo Pellenz leitete. Denn ich finde es unglaublich spannend zu hören und zu erleben, wie andere meine fotografischen Arbeiten sehen. Die frei gesprochene Führung kannst Du im Folgenden nachlesen:

Jo Pellenz sprich über Susanne Fern
Jo Pellenz über Susanne Fern

„Für mich eine Gelegenheit, beim eigenen Erleben anzusetzen bei dem, was ich jetzt erzähle, und ein bißchen auch zu spekulieren über ganz bestimmte Werksentscheidungen, die die Künstlerin getroffen hat, und warum sie sie getroffen hat:

Was wir sehen, sind eigentlich banale Alltagsgegenstände, durch die allerdings etwas ganz Bestimmtes geschieht. Und das behaupte ich mal, wenn wir nicht mit diesem oberflächlichen Blick “gesehen, verstanden, weg“ daran vorbeigehen, sondern wenn wir die auf uns wirken lassen. So ging es zumindest mir und einigen Kollegen, mit denen ich gesprochen habe: Man nimmt ganz bestimmte Aspekte wahr. Ich verweise nur auf diese Griffe. Ich glaube, die meisten Menschen, die hier stehen, haben in den letzten 30/40 Jahren Geräte mit diesem Griff gesehen. Damit wurde mal die Welt überschwemmt, genau mit dieser Ästethik. Und die meisten kennen das. Ich mach mal ein kleines Beispiel: Als ich zum ersten Mal zuhause auszog und meinen Hausstand mitnehmen musste, hat mir meine Mutter – denn mittlerweile hatten wir ein etwas besseres Geschirr – aus der unteren Schublade all diese Dinge mit genau diesen Griffen mitgegeben. Und sie waren für mich ein Symbol meiner neu gefundenen Freiheit. Weiter. Noch ein Erlebnis: Als ich in die Ausstellung hier kam, als sie gerade aufgebaut war, stand ich kurz vor dieser Schneiderkreide. Das verrückte ist, ich habe solche Schneiderkreide schon bestimmt seit 50 Jahren nicht mehr gesehen. Diese Schneiderkreide, als ich vor ihr stand, war so präsent und so wichtig und so prominent, dass ich augenblicklich mit meinem Gefühl kopfüber im Nähkasten meiner Großmutter gelandet bin, vor 50 Jahren.

Ganz bestimmte belanglose Dinge haben unter Umständen die Kraft, uns nachträglich zu fesseln, weil sie uns zurückbinden an Erlebtes oder auch nur an die Ästhetik einer Zeit, die wir erlebt haben.

Den Weg, scheinbar Profanes durch die Art und Weise der Inszenierung, des Zeigens wertvoll zu machen, ihm Bedeutung beizumessen oder auf die Bedeutung zu verweisen, den diese Gegenstände in unserem Erlebnis haben, das ist eine Übung der Moderne.

Sie kennen alle diese Geschichten von Duchamp, die Alltagsgegestände, Multiples, die im Haus verwendet worden sind, im musealen Kontext zur Kunst erklärten. Das klingt nach einem schönen Gag, nach einer schönen PR-Idee, ist aber viel mehr. Es ist die Wette mit der Reaktion des Publikums. Ich glaube, in dem Moment, wo ich dieses Bild in die Nähkiste meiner Großmutter gezogen habe, habe ich damit (oder mein Unbewußtes hat damit) der Absicht der Künstlerin 100%ig recht gegeben. Diese profane Sache beinhaltet ganz viele Geschichten, die für ganz viele Menschen von uns eine Erinnerung wert sind. Und ich setze alles – kommen wir zur Fotografin – ich setze alles mir zur Verfügung stehende Know-how ein, um dieses kleine unwichtige Bild so würdevoll und so geschickt zu präsentieren, dass es gelingen kann, dass der Betrachter plötzlich beim Ansehen dieser kleinen Sache das gesamte Umfeld vergisst und nur noch da ist bei dem Nachemfpinden eines Erlebnisses, das durch diese Betrachtung ausgelöst ist. Wie passiert das?

Alles kein Geheimnis. Ein paar Aspekte sage ich Ihnen: Wenn wir etwas wichtig machen wollen, heben wir es entweder auf ein Podest, oder wir stellen es in einen weißen Kontext, in einen weißen Raum. Das heißt, sowohl bei der Erhöhung durch ein Podest – da haben wir einfach die Wirkung der Dreidimensionalität – als auch bei einem zweidimensionalen Bild: Wenn ich eine einzige Sache in einem weißen Raum präsentiere, ist das die höchste Form, etwas wichtig zu machen und wertzuschätzen. Rein ästhetisch. Weil nichts stört. Diese Entscheidung unterstelle ich der Fotografin, dass das eine grundlegende Entscheidung ist, dass alle diese Dinge aus den Schubladen der Vergangenheit tatsächlich super inszeniert werden.
Diese Bilder sind nicht irgendwie mit Photoshop enstanden, sondern diese Bilder sind tatsächlich handwerklich nach allen Regeln des Fotografierens entstanden. Das hat zu tun mit Platzierung, Ausleuchtung, mit dem Verhältniss der abgelegten, der abgebildeten Gegenstände zueinander, das Gruppieren von Farben. Das heißt, sie hat alles dafür getan mit ihrem Wissen um die Bildwirkung und um die handwerkliche Erzeugung dessen, dass sie sagt, ich schaffe jetzt für diese belanglosen und weggeschmissenen Dinge, die nur noch für unsere Erinnerung einen Wert haben, den ehrfurchtsvollsten Rahmen, den ich als Fotografin schaffen kann. Denn mein eigentliches Ziel ist, in dem Betrachter etwas hervorzurufen, was mir unter Umständen selbst bei der Betrachtung dieser alten, abgelegten Dinge aus der dritten Schublade von unten passiert ist. Nämlich dieses Plötzlich-etwas-wichtigmachen, etwas rausheben aus dem bunten Rauschen der Umwelt, es fixieren und zu sagen: „Okay, das ist meine erste Wohngemeinschaft, das ist mein Abschied von Zuhause, das ist mein Eintauchen – versonnen mit meiner Großmutter Zeit zu verbringen und in ihrem Nähkästchen zu spielen.

Darum geht’s: Um das Erzeugen eines Erlebnisses, um das Konzentrieren aller Kunst und Fertigkeit hin zu diesem Ergebnis, was dem Betrachter ermöglicht zu sagen: „Dieses Ding ist gewürdigt, und es ist auch meines Blickes würdig, und es ist auch würdig nachzuforschen, was klingelt bei mir ein?“ Diesen Weg geht Susanne Fern.“